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Die Rückkehr

14. April 2016

Das Rascheln der Blätter erfüllte die Luft und überdeckte das Rauschen der Wellen. Mit geschlossenen Augen lauschte Chada. ‚Der Wind‘ dachte sie, ‚spielt sein Lied einfach nur auf einem anderen Instrument‘. Die Gerüche ihrer Kindheit stiegen ihr in die Nase. Hier war sie aufgewachsen, im Wachsamen Wald. Für einen Augenblick erfüllte sie das Gefühl, zu Hause zu sein. Endlich waren sie zurück, zurück in Andor.

Die Andori hatten ihr und Thorn geraten im Wachsamen Wald und nicht an der Rietburg an Land zu gehen. Chada war froh über diesen Rat, auch wenn sie wusste, dass Thorn lieber sofort zur Burg gegangen wäre. Für sie aber war dieser Wald ihre Heimat. Hier hatte Melkart, der Oberste Priester, sie großgezogen. Beinahe hätte sie in Gedanken ‚wie eine Tochter‘ hinzugefügt, aber das wäre nicht richtig gewesen. Sie war eine Waise und er hatte sich um sie gekümmert. Aber Liebe, wie die eines Vaters, hatte sie von ihm nicht erfahren. Dennoch freute sie sich darauf, ihn bald wieder zu sehen.

„Komm Chada“ sagte Thorn, „lass uns weitergehen.“

„Ja, ich komme.“, sagte Chada und sie setzten ihren Weg fort, nicht wissend, was sie bei den Bewahrern am Baum der Lieder erwartete.

Sie liefen schweigend und Chada beobachtete, wie das Mondlicht auf dem silbernen Sturmschild, der an Thorns Rücken hing, reflektierte. Chada und Thorn hatten viel gemeinsam erlebt und seit ihrem ersten gemeinsamen Abenteuer waren nun mehr 13 Jahre vergangen. Eine lange Zeit und sie spürte deutlich die Müdigkeit, die den Krieger befallen hatte. Er war mürrisch geworden und hart. Sie kannte die Ursache für seine Veränderung. Zu viele Gefahren und zu viele Abenteuer. Aber da war noch etwas anderes. Sie hatten sich gegen ungeheure Feinde behaupten müssen und dabei die Magischen Waffen aus Hadria eingesetzt. Lange hatte Thorn Orweyns Hammer geschwungen. Eine mächtige Waffe. Eine Waffe die ihren Tribut forderte. Sein Herz war erkaltet. Darum war sie nun froh, dass die Magischen Waffen im Norden geblieben waren. Stinner, der Seekrieger verwahrte sie. Vielleicht würde sich Thorn erholen. Womöglich konnte er zu seinen Pferden an die Rietburg zurückkehren und Ruhe finden? Frieden? Doch sie ahnte, dass ihre Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war.

Still gingen sie weiter. Selbst in der Dunkelheit erinnerte sich die Bogenschützin noch an jeden Baum und wusste, dass es nun nicht mehr weit bis zum Baum der Lieder war, als sie Stimmen hörten und plötzlich Fackeln vor ihnen auftauchten.

„Stehen bleiben!“ rief jemand.

„Nur allzu gerne“, sagte Thorn ruhig. „Viel zu lange schon sind wir unterwegs. Aber jetzt sind wir zurück. Spießt uns nicht auf, ihr wachsamen Bewahrer und lasst die Bögen sinken. Ich bin’s Thorn und hinter mir ist …“

„Chada!“ rief eine ältere Frau, gewandet in das dunkle Grün der Bewahrer. Sie trat nun in den Fackelschein auf Chada zu und umarmte sie. Diese war völlig überrascht und brauchte einen Moment ehe sie begriff, wer sie da umklammerte. Es war Larissa, die Heilkundige. Dann erwiderte Chada die Umarmung. Unter vielen Willkommensrufen bewegte sich die kleine Gruppe aus rund zehn Bewahrern und den Neuankömmlingen zum Baum der Lieder. Ja, der Baum der Lieder stand noch! Obwohl Spuren von Kämpfen den mächtigen Stamm gezeichnet hatten und sogar verkohlte Äste hier und dort zu erkennen waren, so war er doch noch immer da. Das Gedächtnis eines ganzen Volkes. Der sichere Hort unzähliger Chroniken, Geschichten und Lieder.

„Wo ist Melkart“, fragte Chada nun.

„Fort“, antwortete die Heilerin knapp. „Chada, es so viel passiert seit ihr… ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Komm, setzen wir uns ans Feuer. Ich erzähle dir was ich weiß.“

Und so setzten sich die drei. Warmer Gewürzwein wurde den Helden gereicht und erst als im Osten der Tag heraufdämmerte, kam Larissa zum Ende ihres langen Berichtes.

„… Kundschafter haben berichtet, dass die Rietburg eingenommen wurde. Die Krahder sind fort und nur noch hier und da treibt ein Skelett sein Unwesen. Der Raubzug ist überstanden.“

„Und Melkart?“, hakte Chada nach? „Wollte er dieses Biest, von dem Du erzählt hast, ebenfalls jagen? Hat es ihn angegriffen?“

Larissa hatte von einem großen wolfsähnlichen Monster erzählt, das am Waldrand des Wachsamen Waldes herumschlich.

„Nein, ich glaube Melkart wollte dieses Biest nur mit eigenen Augen sehen, doch als er …“ plötzlich brach Larissa ab. Einige Rufe erfüllten die Morgenluft. Dann erklang das tiefe Dröhnen der Alarmglocke. Blitzschnell war Chada auf den Beinen. Schon hatte sie Audax, ihren Bogen hervorgeholt und den ersten Pfeil aufgelegt. Ihr Blick suchte das Dickicht rund um die Lichtung ab. Thorn, der nur einen Meter von ihr entfernt, mit Schwert und Sturmschild in der Hand bereitstand, wies mit der Schwertspitze auf eine dunkle Stelle zwischen zwei dicken Baumstämmen. Und dann sah Chada ihn. Mindestens vier Meter über ihnen ragte ein Schwarzer Kopf auf. Gelbe große Zähne wurden gefletscht, das schwarze zottelige Fell sträubte sich und ein tiefes Knurren erklang. Mehrere Speerschäfte und Pfeile ragten aus dem massigen Körper. Die Bewahrer wichen zurück. Aber Chada und Thorn bewegten sich nicht. Chada spannte den Bogen, Thorn sah es im Augenwinkel und machte sich bereit. Gerade als Chada den Pfeil von der Sehne schnellen lassen wollte, glühten die Augen der Kreatur auf. Smaragdgrün! Bedrohlich und doch vertraut …

„Halt!“, rief sie und ließ den Bogen sinken. So gebieterisch war ihr Stimme, dass kein Bewahrer sich ihrem Befehl wiedersetzte. Thorn sah sie fragend an, aber auch er senkte seine Waffen. Langsam bewegte sich Chada auf das grüne Augenpaar zu. Das Biest knurrte nun noch bedrohlicher, bereit zum Sprung. Doch die Bogenschützin ging unbeirrt weiter. Gewissheit erfüllte sie ohne auch nur den feinsten Haarriss des Zweifels. Niemand sagte ein Wort und in der Stille des nächtlichen Waldes verklang das Knurren und plötzlich, vor den Augen aller, schrumpfte das Biest. Je näher Chada kam, desto kleiner wurde es. Pfeile und abgebrochene Speerschäfte fielen klappernd zu Boden als die Kreatur allmählich die Größe eines Pferdes annahm. Und als Chada die Hand ausstreckte und die Schnauze des Tieres berührte, war es nur noch ein großer, jedoch keineswegs monströser, schwarzer Wolf.

„Lonas!“, flüsterte Chada glücklich und schloss ihren alten Weggefährten in die Arme. Der Wolf leckte ihr Gesicht und rollte sich fast augenblicklich zusammen, damit sie ihn weiter streichelte. Als Thorn näher trat, wurde er ebenfalls freudig begrüßt. Larissa trat nun zu ihnen. „Melkart hatte diese Kreatur gesucht“, sagte sie und griff damit das Gespräch wieder auf. „doch er geriet stattdessen den Krahdern in die Fänge. Sie haben auch ihn verschleppt. Es gibt keine Hoffnung mehr für ihn und all die anderen“.

Erste Sonnenstrahlen erglühten nun am östlichen Himmel. Die Luft war erfüllt von Vogelstimmen.

„Ihr solltet nun ein bisschen schlafen“, sagte Larissa mit einem Blick auf Thorn, der nun, da die unmittelbare Gefahr vorbei schien, herzhaft gähnte. Sie zeigte den beiden einen Schlafplatz in einer Hütte, unweit des Baumes der Lieder. Eingehüllt in grobe Decken, den warmen Wolfskörper zwischen sich und Chada, war Thorn schnell eingeschlafen. Chada aber blieb wach. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf und bald darauf verließ sie leise die Hütte und ging zum großen Portal im Stamm des Baumes der Lieder. Die Wachen nickten ihr zu und ließen sie ein. Ohne Hast betrat sie die spiralförmige Treppe, die in den mächtigen Stamm gehauen war. Sanft strich sie mit den Fingern über das Holz und atmete den Geruch tief ein. Die Stufen knarzten leise. Als sie oben angekommen war, kletterte sie den gewundenen Ast entlang zu ihrem Lieblingsplatz. Chada stellte fest, dass noch immer alles wie früher war. Außer … ihr selbst.

Hier oben hatte sie als junges Mädchen häufig gesessen und gehofft den Wachsamen Wald irgendwann einmal verlassen zu dürfen, denn dies war zu jener Zeit strengstens verboten gewesen. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Nun war sie dreißig Jahre alt und hatte mehr von der Welt gesehen als sonst ein Bewahrer. Das Land Andor, das nun weit und golden im Sonnenlicht vor ihr lag, war nur ein kleiner Ausschnitt auf der Landkarte ihres Lebens. Alles sah so friedlich aus. Wenn Larissa Recht hatte, so war die Gefahr vorüber. Die Krahder waren fort. Nun galt es die Wunden verheilen zu lassen und sich wieder aufzurichten. Die Überlebenden würden einen Neuanfang schaffen. Andori waren zäh. Sie alle würden Frieden finden.

Am Abend war Thorn wieder auf den Beinen und unterhielt sich gerade mit Larissa. Lonas stand bei ihnen als Chada zu ihnen trat.  Dann erklärte sie ohne Umschweife ihr Vorhaben.

„Ich möchte nach Cavern. Kram ist unser Freund und nach allem was Larissa erzählt hat, glaube ich, dass das Reich der Schildzwerge standhaft geblieben ist. Nur hier können wir noch auf Unterstützung zu hoffen.

„Unterstützung wobei?“, fragte Thorn. „Du hast doch gehört, die Krahder sind fort.“

Chada dachte einen Moment nach. Dann sagte sie: „Ich hoffe, dass die Andori einen neuen Anfang schaffen werden. Dass sie von nun an in Frieden leben können und ich hoffe“, hier zögerte sie. Dann nahm sie Thorns Hand. „ich hoffe auch Du findest hier Frieden.“

Thorn sah sie an als hätte sie ihn geschlagen.

„Geh ins Rietland und helfe den Andori ihr Land wieder aufzubauen. Züchte die Pferde, die du so liebst und bringe jungen Andori bei mit dem Schwert umzugehen.“

„Und was wirst du tun?“, fragte Larissa und sprach damit laut aus, was Thorn zu denken schien.

„Ich, ich…“ Chada überlegte. „Melkart ist fort, viele andere ebenfalls und ich denke nicht, dass ich hier in Andor Frieden finden werde.“, sagte sie kleinlaut. Und als sie Thorns verständnislosen Blick sah, ergänzte sie: „Ich werde die Verfolgung aufnehmen!“

Thorn lachte auf. Dann strich er sich den Bart und sagte: „Du bist verrückt geworden! Ich soll hier Frieden finden, während Du auf die Jagd gehst?“

„Aber ich dachte… du schienst so …“, stammelte Chada, doch Thorn nahm sie in die Arme und küsste sie.

„Ja, Verrückt bist du! Ich gehe selbstverständlich mit dir. Weißt Du, ich hätte mir viel Ärger ersparen können, wenn ich dich und Eara damals nicht aufgefordert hätte, mit mir zu Essen. Aber was ich damals sagte gilt heute noch immer: Ich gehe mit dir.“

„Also gut! Dann auf nach Cavern!“, sagte Chada mit fester Stimme. Lonas heulte auf und so war es abgemacht.

„Welchen Weg willst du nehmen?“, fragte Thorn als sie wenig später etwas Proviant einpackten.

„Wenn es stimmt, was die Kundschafter sagen besteht noch immer die Gefahr, dass die Skelettkrieger im Land sind und uns auflauern. Wir haben keine Zeit zu verlieren, daher denke ich wir sollten uns möglichst weit östlich halten. Was meinst du?“

„Du meinst an der Ruine des Dunklen Tempels vorbei?“, fragte Thorn. „Einverstanden!“

Und am nächsten Tag brachen Chada, Thorn und Lonas auf.

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren wir wenn Mjölnir, EdeBorger und Lampard von ihrem Erlebnis am kommenden Samstag berichten. Wir sind gespannt!

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